Über uns

Wir sind Frauen der Literatur – des Schreibens, des Publizierens, der Literaturvermittlung, die sich zusammengetan haben, um Schriftstellerinnen und nicht binären Schreibenden im Rentenalter ein finanzielles Polster zu verschaffen, auf dem sie schaffen können.

Kristine Bilkau

Simone Buchholz

Daniela Dobernigg

Undine Eggers

Natascha Geier

Katharina Hagena

Nefeli Kavouras

Anne Otto

Nicole Seifert

Antje Flemming

Die singenden und dichtenden Frauenfiguren in den Literaturen der vergangenen Jahrhunderte sterben immer jung, meist gewaltsam, mit gebrochenen Herzen, sich opfernd. Und schon vor ihrem unnatürlichen Ableben verstummen sie.

Das fängt schon in der Antike an. Nachdem Odysseus die Insel der singenden Sirenen passiert hat, hören wir nichts mehr von ihnen. Haben sie sich in Luft aufgelöst wie einst die singende Nymphe Canens und viele Jahrhunderte später die kleine Meerjungfrau? Haben sie sich aus Zorn über den entwischten Odysseus ins Meer gestürzt und ertranken, wie es in den nachhomerischen Sirenenmythen erzählt wird? Oder haben sie sich ins Meer gestürzt, sind im Wasser geblieben und zu Fischwesen, Melusinen, Undinen, Loreleyen mutiert, um von dort weiterhin arme Helden ins Verderben zu locken?

undine

löst ihr haar

aus der welle

das lied von der zunge

iss das auge

aus der nacht

zerschnitt

das tanzkleid

das brautkleid

das totenkleid

treibt die ungeborenen ab

den blutigen anflug von seele

— Doris Runge

In Deutschland gibt es die Sage – als romantisches Kunstmärchen erzählt von Friedrich de la Motte Fouqué –  von der singenden Wasserfrau Undine, die den Ritter Huldbrand rettet, begehrt und sich nimmt. Es ist für sie vollkommen klar, dass sie nicht wartet, bis er um sie freit, sondern dass sie auf der Stelle alles daran setzt, ihn sich zu holen. Ganz frei spricht sie ihn an, senkt nicht den Blick und sagt ihm, dass er ihr gefällt. Ihn selbst überkommt in ihrer Nähe jedes Mal eine seltsam lustvolle, wenngleich unritterliche Passivität und Auflösungssehnsucht. Die Geschlechterrollen werden kühn vertauscht, beide sind damit glücklich, und so begibt sich die wilde, verspielte und letztlich arglose Undine hinaus aus ihrem Wasserreich in Huldbrands enge, dunkle Burg und damit geradewegs hinein in die engen, dunklen Gesellschaftsstrukturen eines imaginierten Mittelalters.

Undine opfert ihre Stimme, ihre Herkunft, ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit, um eine Seele zu erringen. Dass die Seele aber bewirkt, dass sie zum Seelchen wird, dass sie nur noch weint (was sie zuvor nicht konnte, womöglich, weil sie keinen Grund dafür hatte), dass sie sich demütigen lässt und schließlich sterben muss, scheint keine Rolle zu spielen. Das Märchen ist die Geschichte einer gesellschaftlichen Domestizierung, bei der alle handelnden Personen verlieren, damit am Ende das Patriarchat gewinnt. Immerhin darf eine Frau wie Undine im Jahr 1811 erträumt werden, aber nur, um sie umgehend wieder auszulöschen.

Alte Wasserfrauen gibt es eigentlich nicht in der Literatur des Abendlandes, höchstens alte Hexen. Nicht immer macht man sich die Mühe, sie umkommen zu lassen, meistens werden sie einfach vom Text selbst vergessen.

Undine selbst findet ihren Weg in Ingeborg Bachmanns ikonischem Text „Undine geht“ von 1961. Doch die austauschbaren, ja, seelenlosen Männer namens Hans, die auftauchen, um wieder zu verschwinden, ermüden Undine. Sie hat keine Lust mehr auf den immergleichen Tanz. Sie hat keine Lust mehr auf Verletzung. Sie hat keine Lust mehr auf Rollenspiel. Sie nimmt sich aus dem Spiel. Sie geht.

Wir fragen uns, was aus ihr geworden ist. Und wir fragen uns auch: Was ist, wenn Undine nicht geht? Wenn sie nicht verstummt, älter wird, weiser, stärker, aber auch verwundbarer? Wenn sie weiterspricht, weiterschreibt? Was ist, wenn Undine bleibt?

Katharina Hagena, Autorin